Polyloge Information

Quo vadis? Psychotherapie in Deutschland: Für Verfahrens- und Methodenvielfalt gegen den Reduktionismus

Donnerstag, 7. März, 19.00 Uhr

Das aertzeblatt.de berichtet neben vielen anderen Medien im Dezember 2023 vom  „Weckruf – gegen die reduktionistische Einseitigkeit der deutschen Psychotherapie“.  157 Professorinnen und Professoren (Stand Jan. 2024) wenden sich an die Fachöffentlichkeit. In dem Weckruf, initiiert von Prof. Dr. phil. em. Jürgen Kriz, Universität Osnabrück, und Prof. Dr. phil. Michael B. Buchholz, International Psychoanalytic University Berlin und Göttingen, wird kritisiert, dass bei diesen Entscheidungsprozessen die Befunde internationaler Psychotherapieforschung zur Wirksamkeit von Psychotherapie zu wenig Berücksichtigung fänden. So sei international ein biopsychosoziales und kontextuelles Modell von zunehmender Bedeutung. In Deutschland hingegen werde die oft propagierte Methodenvielfalt zu sehr auf ein biomedizinisches Modell reduziert und dabei das Verständnis von „Evidenzbasierung“ unzulässig verkürzt. „Sinnorientierte (besonders psychodynamische und humanistische) Ansätze, die international eine bedeutende Rolle spielen und von vielen Patienten nachgefragt werden, werden somit in Deutschland marginalisiert und aus Praxis, Lehre und Forschung weitgehend ausgeschlossen“, heißt es in dem Papier. Die Autoren kritisieren unter anderem, dass Professuren in „Klinischer Psychologie und Psychotherapie“ fast ausschließlich mit Vertretern der Verhaltenstherapie besetzt sind. Humanistische Professuren sind völlig verdrängt worden. Die Psychodynamische Psychotherapie wird heute lediglich von zwei Professuren vertreten. Auch der Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer ist inzwischen ausschließlich von Verhaltenstherapeuten besetzt.

Mit Dr. Manfred Thielen habe ich einen aktiven Mitgestalter, Delegierten und Kenner der Psychotherapielandschaft in der BRD der letzten 30 Jahre zu diesem POLYLOG eingeladen.

Wir werden im ersten Teil unseres Gespräches zunächst über die Entwicklung der Psychotherapie in Lehre und Praxis der letzten Jahre, insbesondere auch über die Aus- und Weiterbildungsreform, sprechen. Dann werden wir den aktuellen Stand der Debatte erläutern, spezifisch bezogen auf den oben benannten „Weckruf“. Die Bedeutung der internationalen Forschung u.a. von Wampold, u.a. [1] stellen wir hierbei vor. Vor allem gehen wir darauf ein, was dies alles für die Körperpsychotherapie bedeutet. Wir setzen uns dafür ein, dass der Körper in der Psychotherapie eine viel größere Rolle als bisher spielen, und die Körperpsychotherapie in die Regelversorgung aufgenommen werden muss.

[1] Wampold E., Imel Z., Flückiger C.: Die Psychotherapie-Debatte. Was Psychotherapie wirksam macht, Hogrefe, Bern 2022

Dr. Manfred Thielen: ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet körperpsychotherapeutisch mit Einzelnen und Gruppen. Er ist Leiter des “Instituts für Körperpsychotherapie Berlin”, das seit 1996 Aus- und Fortbildungen in Körperpsychotherapie durchführt.
Autor diverser Fachartikel und Herausgeber der Bücher: “Narzissmus. Körperpsychotherapie zwischen Energie und Beziehung” (Berlin 2002). •(2010): Körper- Gefühl- Denken. Körperpsychotherapie und Selbstregulation. Gießen (Psychosozial-Verlag). •(2013): Körper-Gruppe-Gesellschaft. Neue Entwicklungen in der Körperpsychotherapie. Gießen (Psychosozial-Verlag). •Thielen, M.,v.Arnim, A., Willach-Holzapfel, A. (Hg.) (2018): Lebenszyklen-Körperrhythmen. Körperpsychotherapie über die Lebensspanne. Gießen (Psychosozial-Verlag.

Referent auf verschiedenen wissenschaftlichen Kongressen und Symposien zur Psychotherapie und Körperpsychotherapie. Leitung und Mitarbeit in allen Kongresskomitees der DGK (seit 1998). 2001-2005 Mitglied des Vorstandes der Berliner Psychotherapeutenkammer (PtKB), ab 2005 Delegierter der PtKB und der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Mitglied des Redaktionsbeirates des “Psychotherapeutenjournal”, Sprecher der Berliner Kammerfraktion ” Berliner Bündnis für psychische Gesundheit” (Zusammenschluss von 13 Berufs- und Fachverbänden), Sprecher der „Arbeitsgemeinschaft Psychotherapie“ auf dem Deutschen Psychotherapeutentag (DPT, BPtK)
Von 2003-2020 Vorsitzender der “Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie” (DGK), seit 2020 Mitglied im Vorstand der DGK. Langjähriger Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT)“.

Termin: Donnerstag 07. März 2024 ab 19.00 Uhr (Dauer 3 UE), ca. bis 21.15 Uhr)

Moderator: Martin J. Waibel

Anmeldung: https://ibt-verein.de/polylog

Eine Teilnahme ist mit allen üblichen Geräten (Handy, Computer, IPad etc.) möglich.

Sprache: Deutsch

Unkostenbeitrag: 10 EUR

Literatur:

Wampold E., Imel Z., Flückiger C.: Die Psychotherapie-Debatte. Was Psychotherapie wirksam macht, Hogrefe, Bern 2022

https://www.aerzteblatt.de/archiv/235758/Psychotherapie-Weckruf-an-die-Profession#:~:text=Mit%20einem%20%E2%80%9EWeckruf%20%E2%80%93%20gegen%20die,November%202023)%20an%20die%20Fach%C3%B6ffentlichkeit

https://jkriz.de/weckruf-info/

https://dvp-ev.de/news/2023-weckruf-psychotherapie

Was ist ein Polylog?

»Polylog wird verstanden als vielstimmige Rede, die den Dialog zwischen Menschen umgibt und in ihm zur Sprache kommt, ihn durchfiltert, vielfältigen Sinn konstituiert oder einen hintergründigen oder untergründigen oder übergreifenden Polylogos aufscheinen und „zur Sprache kommen läßt.” (Petzold 1993)

Vielleicht ist dies ein noch ungestalteter, „roher Sinn“ im Sinne Merleau-Pontys (1945, 1964) oder ein „primordialer Sinn“, (Petzold 1978c), eine „implizite Ordnung“ (Bohm), die auch schon die Gestaltungsmöglichkeiten und -formen enthält oder „chaotischen Sinn“ – warum nicht? – Polylog ist der Boden, aus dem Gerechtigkeit hervorgeht; sie gedeiht nicht allein im dialogischen Zwiegespräch, denn sie braucht Rede und Gegenrede, Einrede und Widerrede, bis ausgehandelt, ausgekämpft werden konnte, was recht, was billig, was gerecht ist, deshalb ist er der Parrhesie, der freien, mutigen, wahrhaftigen Rede, verpflichtet. – Polylog ist ein kokreatives Sprechen und Handeln, das sich selbst erschafft. – Polylog ist aber auch zu sehen als „das vielstimmige innere Gespräch, innere Zwiesprachen und Ko-respondenzen nach vielen Seiten, die sich selbst vervielfältigen“.  Das Konzept des Polyloges bringt unausweichlich das Wir, die strukturell anwesenden Anderen, in den Blick, macht die Rede der Anderen hörbar oder erinnert, daß sie gehört werden müssen – unbedingt! Damit werden die Anderen in ihrer Andersheit (Levinas), in ihrem potentiellen Dissens (Foucault), in ihrer Différance (Derrida), in ihrer Mitbürgerlichkeit (Arendt) prinzipiell „significant others“, bedeutsame Mitsprecher für die „vielstimmige Rede“ (Bakhtin), die wir in einer humanen, konvivialen Gesellschaft, in einer Weltbürgergesellschaftschaft brauchen« (zit. In Petzold 1988t/2002c).

Unsere Reihe:  POLYLOGE_online

Wir haben im November 2020  ein Experiment gewagt. Auch unsere Fachtagung mit dem Titel „Integrative Diagnostik und (Bewegungs-) Therapie bei Menschen mit Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen“ hätte wie viele andere Tagungen abgesagt werden müssen. Dann haben wir uns zu einem Experiment entschlossen und die Tagung ONLINE stattfinden lassen.

Geht das in der Körper- und Bewegungspsychotherapie? Diese Frage stellten wir uns und natürlich auch viele unserer Kolleg*innen. Die erste Resonanz vor der Tagung war sowohl von Ablehnung als auch Begeisterung geprägt. Und trotz aller Nachteile, es gab auch Vorteile: So konnten Kolleg*innen von Sizilien über die Niederlande bis hin nach Hamburg teilnehmen.

Nach der Tagung ist unsere Skepsis einer neuen Begeisterung gewichen und wir haben neben dem Schutz der Gesundheit, dem Vorteil nicht langer Anfahrtszeiten und teurer Übernachtungen gerade in Corona-Zeiten auch die Erkenntnis gewonnen, dass ONLINE-Medien durchaus auch für bewegungstherapeutische und körperpsychotherapeutische Fachfortbildungen – zwar in anderer Form – geeignet sind.

Daraus entstand die Idee, diese Polyloge regelmäßig ONLINE weiterzuführen. Wir wollen dabei Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Herausforderungen von Leib-, Körper-, Bewegungs-, (Psycho)therapeut*innen im klinischen Alltag aufgreifen, um sie in einem gemeinsamen Austausch zu erörtern und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Wir laden Fachleute aus den verschiedensten Themengebieten der (Körper)Psychotherapie ein. Ab 2022 haben wir nun auch begonnen mit internationalen Kolleg*innen in einen intensiven Austausch (Deutsch/Englisch) zu treten. Forschung und Praxis werden gleichsam berücksichtigt. Die POLYLOGE_online Reihe bieten neben dem Vortrag von Fachleuten, einen diskursiven Austausch mit namhaften Forschern und Praktiker*innen sowie Kontakte zu neuen Kolleg*innen aufzubauen.

Dazu laden wir Sie herzlich ein. Natürlich sind solche Veranstaltungen mit Kosten verbunden und wir müssen Ihnen  hierzu einen kleinen Betrag  berechnen um die Unkosten zu decken. Für die Mitglieder der „Deutschen Gesellschaft für Integrative Leib- und Bewegungstherapie“ ist diese Veranstaltung frei.

Der nächste Online Polylog steht bereits bevor...

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